Der fünfstöckige Hausbesitzer

Haben Sie schon mal einen fünf Stockwerke hohen Besitzer eines Hauses getroffen, wie es in der Überschrift steht? Vermutlich kennen Sie eher den Besitzer eines fünfstöckigen Hauses.

Wenn ein Adjektiv (fünfstöckig) vor einem zusammengesetzten Substantiv steht (Haus + Besitzer), bezieht sich das Adjektiv nicht nur auf den ersten Teil des Wortes, sondern auch auf den zweiten. Man kann das Adjektiv nicht unbesehen davorkleben, sondern muss sich die Mühe machen, den Ausdruck in seine Bestandteile zu zerlegen.

Bei der atomaren Gefahrenabwehr ist nicht gemeint, dass die Abwehr atomar (verseucht?) wäre, sondern dass eine atomare Gefahr abgewehrt werden soll. Die mittelständische Unternehmensumfrage ist keine mittelständische Umfrage unter Unternehmen, sondern eine Umfrage unter mittelständischen Unternehmen. Der atlantische Tiefausläufer ist kein Tief, das atlantisch ausläuft, sondern ein Atlantiktief, dessen Ausläufer bis zu uns reichen.

Schauen Sie hin: Sie werden jeden Tag in den Medien solche Wortverknüpfungen finden, die sich bei genauerem Hinsehen als sinnlos entpuppen (und oft lustige Vorstellungen wecken wie die vom fünf Stockwerke hohen Hausbesitzer). 


Unterhosen zu  mieten?!

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Beim Bummel in Sydney fiel mein Blick auf das Angebot THONG RENTAL. Wie bitte? UNTERHOSENVERMIETUNG?

Meine australischen Freunde klärten mich auf: Für den Briten sind THONGS Unterhosen, für den Australier dagegen Flipflops! Gut zu wissen, denn an anderer Stelle prangte am Eingang eines strandnahen Restaurants das Schild NO THONGS. Eine witzige Vorstellung, wie British English Muttersprachler nach Schottenart nackt unterm Kilt zum Dinner marschieren ...


Loo with a view - Klo mit Aussicht

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Am Strand von Mooloolaba (sprich: mu-lúh-la-ba) an der australischen Sunshine Coast zeigt sich, dass man mit einem guten Slogan auch das stille Örtchen zu einer tollen Location machen kann (ich gebe zu, der Pazifik hinterm Haus hilft auch :-)


Welches Schweinderl hätten's denn gerne?

Kleider machen Leute. Derselbe Mann trägt einmal Muscle-Shirt und einmal Anzug. Wetten, dass die Urteile über seine Person je nach Outfit völlig unterschiedlich ausfallen? Das funktioniert auch mit Wörtern.

Je nachdem, wie man einen Sachverhalt benennt, werden beim Empfänger unterschiedliche Assoziationen geweckt. Ein Rennpferd hat etwas Rassiges, ein Gaul ist eher behäbig, das Ross ist von edlem Geblüt und der alte Klepper steht kurz vorm Abdecken. 

Dieses Phänomen der Konnotation kann man sich auch im Marketing zunutze machen. Kürzlich fand ich einige aufschlussreiche Beispiele aus dem Bereich der Massentierhaltung. Weil die Bedenken der Verbraucher gegen die massenhafte Produktion von Tieren und die damit verbundenen Haltungsbedingungen immer größer werden, versucht man, das Image mit Begriffskosmetik aufzupolieren:

MÄSTER. Der Weg vom Mäster zum Tierquäler sei in der Assoziation der Verbraucher nicht weit, informierte eine Branchen-Fachzeitschrift. Als Tierhalter wirke man deutlich sympathischer, denn bei diesem Begriff schwinge die Sorge um das Wohlergehen der Tiere mit. 

SCHNABELKÜRZEN. Nach dem Tierschutzgesetz ist das Kürzen des Schnabels eine Amputation und mit dem Wort kürzen wissenschaftlich korrekt bezeichnet. Die Branchenlobby empfiehlt den Geflügelzüchtern jedoch, lieber von der "harmlos wirkenden" Schnabelbehandlung zu sprechen.

MASTANLAGE. Wenn Eier in Anlagen produziert werden, klingt das nach Industrie und minderwertiger Nahrung. Besser schmecken dem Verbraucher Eier, die im Stall erzeugt wurden, denn das suggeriert heile Bauernhofwelt.

MASSENTIERHALTUNG oder INTENSIVTIERHALTUNG? Beides eher nicht. Weniger negativ besetzt ist nach Meinung einiger Ratgeber der Begriff konventionelle Tierhaltung. Doch Vorsicht, sagen andere, konventionell klinge nicht nach Zukunft oder Innovation. 

Mindestens so geschickt wie die Fleischindustrie ist die Politik im Erfinden schönfärberischer Begriffe. Um nur drei Klassiker zu nennen: Nullwachstum für Stagnation, Kollateralaschaden für zivile Kriegsopfer und die Deckungslücke für zu wenig Geld in der Kasse.

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Viel Wort um nichts

Der uniSPIEGEL publizierte ein Interview mit Wolf Schneider. Darin äußerst sich der deutsche "Sprachpapst" drastisch über Texte, die nicht Klarheit und Verständlichkeit zum Ziel haben.

"Germanistik gehört zusammen mit Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften zu den Fächern, von denen ich dringend abrate - denen, die Journalisten werden wollen. Wenn man einem Geologen seine Sprache wegnehmen würde - "das mesozoische Verrucano hat die geosynklinale Phase eingeleitet" -, dann blieben ihm immerhin die Steine. Aber was bleibt dem Soziologen? Nichts. Er lebt von seinem Sprachgebilde und vom Getümmel in demselben. Ich säge an den Wurzeln seiner Existenz, wenn ich ihn auffordere, klares Deutsch zu sprechen. Er ist beleidigt, wenn er von Hinz und Kunz verstanden werden kann."

Ich glaube, dass Schneider übertreibt, wenn er nahelegt, dass  Germanisten & Co nichts Inhaltliches beizutragen hätten. Recht hat er aber, wenn er darauf hinweist, dass Texte manchmal absichtlich verkompliziert werden, um darüber hinwegzutäuschen, dass man nichts zu sagen hat. Schneider:

"Ich verachte ja nicht die Menschen, die das akademische Geschäft betreiben. Ich finde es aber bedenklich, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich nur in einem Deutsch mitgeteilt werden, das ein normaler Mensch nicht verstehen kann und möglicherweise auch nicht verstehen soll."

Ich habe es selbst erlebt, dass mir Kunden die Einfachheit und Verständlichkeit meiner Formulierungen vorgeworfen haben. Ein Abteilungsleiter war verärgert, weil sich "der Text liest, als ob das, was wir machen, das Simpelste auf der Welt wäre." Da scheint mir die Frage berechtigt: Liegt das am Text oder am Thema?

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Fernsehen macht nicht immer dumm

Meine Oma verwendete gern und häufig das Wort Fisimatenten. Es ist mir seit meiner Kindheit geläufig und ich habe immer geglaubt, der Begriff leite sich ab aus dem französischen "Visitez ma tente" ("Besuchen Sie mein Zelt").

 

 

Mit dieser Einladung wollten französische Besatzungssoldaten Anfang des 19. Jahrhunderts deutsche Mädels in ihre Unterkünfte locken. Bevor die jungen Damen abends das Haus verließen, sollen ihnen besorgte Mütter ein "mach' aber keine Fisi ma tenten" mit auf den Weg gegeben haben. Sprich: Lass dich nicht von den Soldaten verführen.

Eine naheliegende Interpretation. Aber falsch.

Das wurde mir in einer Quizsendung über Sprichwörter klar. Dort erfuhr man, dass Fisimatenten für Flausen, Umständlichkeiten, Ausflüchte stehe. Zurück gehe es auf "Visae patentes ("ordnungsgemäß verliehenes Patent" im 16. Jahrhundert). Schon damals sorgten bürokratische Vorgänge offenbar für Spott und Häme und so bekam Visae patentes bald die Bedeutung von "überflüssige Schwierigkeit". 

Schön zu wissen, dass sich schon unsere Altvorderen mit der Bürokratie herumgeplagt haben und Fernsehen manchmal auch schlau macht.